Luanda - wachsende Kirche
Luanda (Angola), Auguat 2026 - Mein Name ist Tommaso Berselli, ich bin 26 Jahre alt und komme ursprünglich aus Italien. Vor sieben Jahren bin ich nach Deutschland gezogen, um ins Seminar in Bonn einzutreten. Nach dem Abschluss meines Theologiestudiums im Februar 2025 an der KHKT war ich in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und zuletzt in Chemnitz für die sogenannte Itineranz (= Missionspraktikum). Hier nehme ich am Leben der Missio ad Gentes teil und schreibe eine Doktorarbeit zum Thema „Transhumanismus und Theologie des Leibes“.
Am 31.07. bin ich nach Luanda in Angola geflogen, nachdem ich dem heiligen Ignatius von Loyola in Rom die Mission anvertraut hatte. Vor Ort wurde ich von der Pfarrei „Unsere Frau der Insel Cabo“ aufgenommen, die sich auf der Halbinsel „do Cabo“ befindet. Diese Halbinsel ist der erste Ort Angolas, den die Portugiesen im 16. Jahrhundert betraten, und liegt genau gegenüber der Stadt Luanda. Zu den ersten Eindrücken zählen vor allem die junge Gesellschaft – die ungewöhnlich große Anzahl von Jugendlichen und Kindern auf der Straße –, die prächtigen Gebäude und Wolkenkratzer sowie der chaotische Verkehr.
Die Situation in Angola ist von starken Gegensätzen geprägt. Während im Stadtzentrum von Luanda moderne und prächtige Gebäude entstehen, fehlt es in vielen Stadtteilen an grundlegender Infrastruktur wie befestigten Straßen, Schulen und Krankenhäusern.
Ein großes Problem ist die Armut. Obwohl der offizielle Mindestlohn bei etwa 100.000 Kwanzas (100 Euro) liegt, verdienen viele Menschen deutlich weniger. Gleichzeitig gehört Luanda zu den teuersten Städten Afrikas. Die Wirtschaft ist stark vom Erdöl abhängig, andere Wirtschaftszweige wenig entwickelt und viele Waren müssen importieren werden.
Nach dem Bürgerkrieg (1975–2002) bemühen sich Regierung und insbesondere die junge Bevölkerung, das Land zu modernisieren. Dabei spielen ausländische Investoren und Arbeitskräfte, vor allem aus China, eine wichtige Rolle. Dennoch sehen viele Jugendliche in Angola kaum Zukunftsperspektiven und versuchen, nach Portugal oder in andere wirtschaftlich entwickelte Länder auszuwandern.
Auch der Tourismus entwickelt sich allmählich, ist aber noch wenig erschlossen. Angola steht deshalb vor der Herausforderung, seine Wirtschaft zu diversifizieren, die Infrastruktur zu verbessern und die Lebensbedingungen seiner Bevölkerung nachhaltig zu stärken.
Nach der Unabhängigkeit Angolas im Jahr 1975 wurde das Land sozialistisch regiert. In dieser Zeit erlitt die Kirche schwere Verfolgungen: Hunderte Priester, Ordensleute und Laien wurden ermordet, entführt oder inhaftiert. Im Jahr 2002 zählte das Erzbistum Luanda nur zehn Diözesanpriester. Heute wächst der Klerus wieder im Priesterseminar sind etwa 200 Seminaristen und auch Ordensgemeinschaften werden zunehmend von Einheimischen getragen.
Trotz der oft schwierigen materiellen Verhältnisse ist das kirchliche Leben sehr lebendig. Viele Kirchen befinden sich noch im Bau und verfügen über kaum Räumlichkeiten. Dennoch sind die Gottesdienste gut besucht, besonders am Wochenende. Anbetung, Beichte, Vigilien und Wallfahrten gehören zum Gemeindeleben. Gesang und Marienfrömmigkeit spielen eine wichtige Rolle; der Rosenkranz wird täglich gebetet.
Das Verhältnis zwischen Priestern und Gläubigen ist von großer persönlicher Nähe geprägt. Der Pfarrer kennt seine Gemeindemitglieder und ist für ihre Anliegen leicht erreichbar. Neue Besucher, Geburtstagskinder und Brautpaare werden persönlich in der Gemeinde begrüßt. Auffällig ist auch die große Ministrantengruppe: Nur Jungen dürfen ministrieren, und bei jeder täglichen Messe dienen drei von ihnen. Viele können sich vorstellen, Priester zu werden; für einige ist es ein echter Herzenswunsch.
Die Kirche steht zugleich vor großen Herausforderungen. Alte, Arme und Kranke finden in der Gesellschaft keinen Platz, Familien gehen auseinander, zahlreiche Frauen müssen ihre Kinder allein großziehen und zahlreiche Kinder fliehen von zu Hause, um auf der Straße zu leben. Viele Jugendliche träumen von einem Leben im reichen Westen und werden in ihren Vorstellungen und Werten stark von sozialen Netzwerken beeinflusst. Zwei wichtige Aufgabe der Kirche bestehen daher darin, einerseits besonders junge Menschen und Familien im Glauben zu begleiten und ihnen Orientierung zu geben, anderseits die Würde jedes Menschen zu verteidigen. Während Angola sich schnell entwickeln möchte, darf der Einzelne nicht vergessen werden.
Jeder Tag war wie ein Abenteuer. Um mich kurz zu fassen, möchte ich drei der vielen Erfahrungen hervorheben.
Eine Erfahrung, die mich fast täglich begleitete, war die Nähe des Todes. Beerdigungen, Todesfälle und Erkrankungen gehörten zum Alltag. Ich habe erlebt, wie ein gesunder Junge im Alter von 19 Jahren plötzlich starb. Auch ein achtjähriges Kind kam bei einem Autounfall ums Leben. Der Tod ist sehr präsent.
Wenn jemand stirbt, versammeln sich die Menschen um den Verstorbenen, der in der Regel etwa drei Tage lang zu Hause aufgebahrt wird. Es wird geweint und geschrien, aber auch gemeinsam gebetet. Am Abend kommt der Priester, um die Vesper zu feiern und zu predigen. Die Feier findet im Hof oder Vorhof statt, damit möglichst viele Menschen, auch diejenigen auf der Straße, daran teilnehmen und das Evangelium hören können. Der Priester ruft zur Umkehr auf und verkündet die Hoffnung auf die Auferstehung. Mitten in Tod und Trauer wird so der Glaube an das ewige Leben sichtbar.
Angesichts dieses düsteren Szenarios aus Armut, Tod und Trauer war es das Leben aus den Sakramenten, das mich getragen und gestärkt hat. Jeden Tag die Verkündigung des Wortes Gottes zu hören, die Sakramente zu empfangen, gemeinsam mit vielen Brüdern und Schwestern Eucharistie zu feiern und anzubeten, wurde für mich zu einer unverzichtbaren Quelle der Kraft.
Gerade angesichts der Not der Menschen wurde mir deutlich, wie sehr auch ich selbst das Wort Gottes und die Sakramente brauche. In ihnen fand ich die Kraft, meine Erfahrungen zu leben und mich den Menschen zuzuwenden.
So entstand tief in mir der Ruf: „Geh und verkünde! Sie brauchen Jesus. Sie sehnen sich nach ihm.“ Täglich verließ ich das Haus, um gemeinsam mit einem Priester oder allein auf die Straßen, in die Gassen und in die Wohnviertel zu gehen. Dabei kam ich immer wieder mit Menschen ins Gespräch. Ich durfte Christus den Letzten, den Armen, den obdachlosen Kindern und den Betrunkenen verkünden. Es war eine große Freude zu erleben, wie in manchen von ihnen der Wunsch entstand, Jesus näherzukommen.
Eine besondere Freude war die spontane Entstehung eines Fußballturniers, an dem viele Kinder und Jugendliche teilnahmen, die nicht katholisch waren oder sonst nicht die Kirche besuchten. Diese Kinder vertraute ich der Jungfrau Maria an, mit der Bitte, dass wenigstens eines von ihnen wieder den Weg in die Kirche finden möge. Und tatsächlich geschah es: Einer der Jungen kam nicht nur in die Kirche, sondern wurde auch Ministrant. Später folgten ihm sein Bruder und ein weiteres Kind. Alle drei stammten aus Familien, die nicht zur Kirche gingen.
Diese Erfahrungen haben mich zutiefst berührt. Wie tief, wie schön, wie unglaublich ist es zu sehen, wie Menschen den Weg zu Christus finden. Alltäglich in Christus verankert zu sein, Menschen in der Trauer beizustehen, bei der Verkündigung zu helfen, Räume zu schaffen, in denen Personen jeden Alters von Jesus erfahren, mein Leben in den Dienst Gottes zu stellen, damit Menschen zu Christus finden – das nehme ich mit nach Deutschland.
Gepriesen sei Gott!




